©Innenleben

Das – übrigens – geht in Ordnung:

http://www.ivo-rossi-sief.at/

https://de.wikipedia.org/wiki/Ivo_Rossi_Sief

https://www.raetia.com/de/literatur/666-granatapfel.html

Sendung EX LIBRIS_Radio Ö1

18.04.2021

Mag. Dr. Peter Zimmermann zum Buch „GRANATAPFEL“:

https://drive.google.com/file/d/1svm21YLhmbzd2fyghbe_OFZOdxuqplEr/view?usp=sharing

– – –

https://www.raetia.com/de/literatur/666-granatapfel.html

(mit Hommage an Friedrich Achleitner und Gustav Peichl die meine Professoren waren)

Heimat … ist dort, wo man Warmherzigkeit findet – dieser auch begegnet.


Ivo Rossi Sief, am 08.11.2021

Über Reinhard. Erzähle ich von ihm, dann geht es hier nicht um einen, der auf der Welt viel erreicht, der große Dinge oder Herausragendes vollbracht hat, sondern um einen Menschen, der den größten Teil seines Lebens um Akzeptanz und Anerkennung ringen musste. Um seine Art zu sein, seine Motivation und für alles, was er getan hat. Ich erzähle von der Unsicherheit, die in Sachen Seinsberechtigung bereits in seiner Geburtsstunde in der Luft hing. Ich erzähle vom Weggehen und Ankommen, vom Werden und Sein.

Vieles hat Reinhard sich erkämpfen müssen, und für alles dachte er, kämpfen zu müssen. Das tat er akribisch, manchmal auch übertrieben.

(…)

Vienna blue


 
Viele Menschen handelten richtig, nachdem sie Erfahrungen gesammelt hatten, Reinhard nicht. Er hatte – absolut nicht – die Fähigkeit, Dinge richtig einzuschätzen. Realität, Erwartungen, die Lücken dazwischen und die Fehler: alles Dinge eines Fremdbestimmten.
Was stimmte ihn zuversichtlich, sodass er Vertrauen in das, was er – da in Wien – tat, gewinnen könnte? Wenn er über sich nachdachte, verspürte er erneut zunehmende Bedeutungslosigkeit. Es war sein Seelenurerlebnis, dass er sich selbst als Individuum grau und unbedeutend fand. In solchen Momenten litt er ernstlich – aber dies war nicht genug, denn er hatte, zudem, auch im Grunde niemanden, der ihm half das zu sein, was er wirklich sein sollte.
Er hatte großes Interesse an den Dingen, die um ihn passierten, er brauchte sie auch für seine Kunst, und er wollte eine Beziehung zu einem Menschen aufbauen.
Und er würde es jetzt schaffen, darauf zuzugehen: durch die neuen Erfahrungen, den neuen Habitus und Lebensstil. Ein neues Zuhause, eine neue Gesellschaft um sich herum, ein vermeintlich sicherer Platz, eine sinngeladene Beschäftigung, die Zugehörigkeit zu einer einschlägigen Gemeinschaft wie in einer großen Familie versprachen Identitätserlangung. Und mehr noch, er würde den alten Reinhard abstreifen.
Ja, Reinhard war bereit, sich zu ändern, dies dauerhaft und endgültig.
Die Frage war: Wie dies nun mit Sicherheit schaffen, die Veränderung als nun dauerhaftes Element seiner (neuen) Persönlichkeit? Die jetzt möglichst unauslöschlich den neuen Gefühlen des Ausdrucks seiner Identität zugeordnet war, damit sie ihren eindeutigen Ausdruck fand.
Erfindend also eine Trennwand zwischen einer dünnen Scheu und der momentanen Realität, promovierte und bewarb Reinhard sich jeden Tag (manchmal fiel Regen) zwischen Tür und Innenraum, verständnislos blickend auf seine Gedanken und auf das, was er tun sollte – und jeden Tag ging er auch der Aufforderung nach, diesem Tun einen weltgültigen Sinn zu verleihen.
Er war, was er dachte. Und sein Tun war gefärbt mit der Farbe der Gefühle, die er in dieses Denken steckte. Und er war sich sicher, dass er es schaffen würde, zu lieben. Ein unkontrollierter Gedanke, während er im Geiste mit sich selbst redete: „Du fehlst.“ Und er erstarrte dann immer sofort in der Pose des Dich-Suchens. In der Nähe oder im Briefkasten – den Schlüssel suchend.
Reinhard eilte an anstehende Projekte mit dem geronnenen Lächeln der Sehnsucht. Er las kaum mehr Zeitungen. Die Atmosphäre fand er auf einmal auch kaum grimmig, nicht gedrängt, nicht prahlerisch oder so, sie war dann wieder doch ganz einfach still. Und er fixierte sein Gegenüber, still auch dieses, das noch nicht in Greifweite war. Da jede Antwort also ausblieb, war es so, wie Gleichgültigkeit zu sein hat: in – eben – keine Verantwortung gedrängt.
Tief melancholisch gestimmt kam da eine Stimme in ihm auf, die sprach: „Du hast einen Auftrag, also einen Vertrag; verfange dich nicht (wieder) im Nichts.“ Eine Stimme wie von fern.
Arbeit und Liebe und Auftrag – ein Liebesauftrag also, als Auftrag auch zu lieben? Ein lieber Auftrag, ein Liebesvertrag? Mit wem? Mit dem Gewissen?
Leben in Missbehagen schrie immer nach Erster Hilfe. Die Sehnsucht nach Liebe war bei Reinhard aber konkret. Komplexe Fragestellungen suchten jetzt ihren Platz. Er schaute sich selbst im Spiegel tief in die Augen. Auch ganz profane Dinge wollten Appelle aussenden. Nicht nur Heinrich Böll schrie nach Achtung und Würde. Gehorsam also in den Momenten des Lebens, hieße das dann im Sinn tieferfülltere Tätigkeiten? Und was war sein Wirken bisher gewesen – war es rein aus Gewissensbissen geschehen?
Er beobachtete einen Stieglitz, der da draußen sprang, auf der Brüstung des Balkons. Als hätte Reinhard die Leinwand als ein Segel hochgezogen, um ein Zurück-zur-Natur oder ein Eigentumsgrundstück in der Montaigneforschung anzusteuern, fingen seine Lippen an, die Grundlagen der Ungleichheit unter Menschen vor Augen, ein wenig zu zittern. Denkend an einen Schub von verdrehter Possessivität. Und weil das Eine formulierte, existierte dieses Zittern auch beim Lesen des Essays Grundlagen der Gleichheit unter denselben.
Impulsiv nahm er das Sitzkissen vom Stuhl, weil er – um auf etwas anderes zu kommen – in aller Offenheit etwas aussprechen wollte. Und Wattebäusche spielten dabei keine Rolle. Die konnten auch nicht den Schnee ersetzen, der an diesem einen Winter fast gänzlich fehlte. Auch dass es, so gesehen, bald zum Jahreswechsel kommen würde, gehörte nicht zu dem, was auf seinem Merkzettel stand.
Die Frage, die sich ihm blitzartig aufdrängte, war, ob er ein Wesen mit Selbstkontakt wäre, folglich ein Mensch des Selfcontrolls? Hörte er jetzt effektiv auf sich selbst? Und was bedeutete das?
Es war in der Tat bald Neujahr und Reinhard hatte bei seinem ersten Neujahr in Wien ein I’m feeling blue tief in sich drinnen.

https://www.raetia.com/de/literatur/666-granatapfel.html

am 08.10.2021

Ivo Rossi Sief

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